Beim Namen "Uwe Boll" trifft man stets auf ein zweigeteiltes Lager. Die einen hassen ihn, die anderen feiern ihn bedingungslos ab. 4you2connect hatte die Möglichkeit mit dem deutschen Regisseur über seinen neuen Film zu sprechen. "Assault on Wall Street" erscheint in Deutschland am 27. September 2013 auf DVD und Blu-ray. Die Hauptrolle wird von Dominic Purcell gespielt, hierzulande vielen aus "Prison Break" bekannt.

4Y2C: Was können die Zuschauer von deinem neuen Film "Assault on Wall Street" erwarten?

Uwe Boll: Ich habe mich intensiv mit der Finanzkrise beschäftigt und im Zuge dieser wurde ich immer erboster. Ich denke die Krise ist falsch geendet und viele Leute haben alles verloren was sie hatten, 7 Millionen Häuser wurden zwangsversteigert. Ein Jahr darauf wurden bereits wieder Bonuszahlungen an Banker ausgezahlt, da stimmt etwas nicht.
Aktuell ist der irische Bänker in den Medien, der sich über Deutschland lustig macht. Für solche Personen habe ich kein Verständnis.

Bail-outs sind meines Erachtens nach der größte Finanzskandal. Es war nur das Geld der Leute mit mehr als 100.000 Euro in Rücklagen bedroht, das entspricht 5% der Personen. Trotzdem lief es auf Kosten aller Steuerzahler ab.
Das schlimme an der Sache ist, diese Leute kommen nicht mal ins Gefängnis. Richard Fuld von Lehman Brothers hat 700 Milliarden versenkt und hat 500 Millionen Abfindung bekommen. Wie kann es sein das es für solche Handlungen keine Konsequenzen gibt? Jeden Tag schauen wir uns die Volksverarschung länger an.

4Y2C: Wie strikt haltet ihr euch beim Dreh an Drehbücher oder improvisiert ihr auch viel?

Uwe Boll: Bei Assault on Wall Street habe ich ein komplettes Skript gehabt, trotzdem gab es bei Dominic einige Änderungen bei den Passagen. Es wurde sich im Grunde schon an das Skript gehalten, viele Dialoge mussten aufgrund der Thematik sehr akkurat sein.

4Y2C: Was war eine besondere Szene beim Dreh?

Uwe Boll: Wir haben eine große Actionszene im Film, wo wir ein komplettes Büro gemietet haben. Dieses war mit allen Stuntleuten die es in Vancouver gibt gefüllt, dort sollten zwei Granaten explodieren. So eine Szene war selbst für den Stuntkoordinator eine Herausforderung, da man sonst immer ein offenes Gelände für solche Szenen hat. Bei vielen Stuntmen tat es nachher ordentlich weh.

4Y2C: Hast du die Finanzkrise selbst zu spüren bekommen oder jemand aus deinem nahen Umfeld?

Uwe Boll: Zwei gute Kumpels von mir haben ihren Job verloren. Dominic Purcell, welcher die Hauptrolle in „Assault on Wall Street“ spielt hat 2 Apartments in Los Angeles verloren, da er alles mittels Finanzierung gekauft hat. Die Bank wollte dann ihr Geld zurück, so dass nur die Zwangsversteigerung über blieb. Natürlich ist keiner so arm geworden wie es in unserem Film passiert.
Dazu muss ich sagen, ich bin maßlos enttäuscht von „Wall Street 2“. Den ersten Teil von "Wall Street" liebe ich, aber der zweite Teil war eine reiche „Schnöselscheiße“ ohne Biss. Genau das wollte ich nicht machen. Ich wollte Biss in die Story bringen, ein Falling Down, eine Person die alles verliert und dann zurückschlägt. Dementsprechend ist der Film auch geworden.

4Y2C: Assault on Wall Street ist mit einer FSK ab 16 Jahren eingeordnet, wie zufrieden bist du damit?

Uwe Boll: Ich bin damit zufrieden, in den USA ist er ja auch „R-Rated“. Der Film bereitet seinen Rachefeldzug auch sehr dramaturgisch vor. Assault on Wall Street ist kein gewaltverherrlichender Film. Ich wollte definitiv andere Gefühle erzeugen als mit "Rampage". Ich denke es ist gelungen. Das Feedback in den Screenings bisher war positiv. Es war zwischendurch schon mal totenstill im Saal, unsere Erwartungen wurden erfüllt.
Oftmals wurde meine Gewalt kritisiert und mit "Assault von Wall Street" wollte ich dem definitiv entgehen.

4Y2C: Du hast mit Dominic Purcell zusammen gearbeitet, weitere gemeinsame Projekt sind bereits abgedreht. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Uwe Boll: Wir haben bei vielen Schauspielern angefragt, unter anderem Viggo Mortensen und Mark Ruffalo. Keiner wollte es machen, sie wollten kein negatives Vorbild darstellen. Da Dominic Purcell ein persönliches Anliegen hat, hat er sofort zugesagt. Er hat das Drehbuch gelesen und sofort zugesagt. Es ist auch gut so, da er wahre Emotionen darstellen konnte. Die Identifikation mit seinem Charakter war perfekt.
Durch die gute Zusammenarbeit haben wir über weitere Projekt geredet. Anfänglich wehrte er sich gegen "Die Schwerter des Königs III", wir konnten ihn jedoch überreden.
"Suddenly" ist kein Projekt von mir, dort habe ich mehr oder weniger ausgeholfen. Anfangs gab es Probleme, da Ray Liotta sich weigerte mit mir zusammenzuarbeiten. Unser Verhältnis aus „Schwerter des Königs I“ war nicht das Beste, es gab oftmals lautere Gespräche und ernste Situationen. Dominic konnte Ray jedoch überreden und erzählte von seinen guten Erfahrungen mit mir, so dass wir uns am Ende doch einigen konnten. Unsere Zusammenarbeit bei dem Gangsterfilm war super, scheinbar war es seine Psychologie. Als Gangster war er immer gut drauf, in einem Lederkostüm war es eher das Gegenteil.

4Y2C: Von "Seed", einem früheren Projekt von dir, wird eine Fortsetzung gedreht, wie weit bist du in das Projekt involviert?

Uwe Boll: Marcel Walz kam auf mich zu uns sagte mir das er unbedingt einen zweiten Teil von "Seed" drehen wollte. Damit habe ich auch kein Problem, den Film finanziere ich nicht, ich habe ihm lediglich den Verkauf angeboten. "Seed" war für mich abgeschlossen, trotz des offenen Endes. Ich bin gespannt auf den Film, er soll sehr blutig sein. Vermutlich wird er in Deutschland nicht freigegeben.

4Y2C: Welche Projekte können wir von dir in der Zukunft erwarten?

Uwe Boll: Ich habe zwei Projekte, ein größeres dabei. Ein Film mit Typen wie Edward Snowden, diese zerstören Amerika von System her. Sie sind die Helden des Films. Dieses kriege ich natürlich in Amerika nicht finanziert und ich möchte den Film nicht aus Finanzierungsgründen abändern.

4Y2C: Häufig fallen die Kritiken eher negativ aus, wie hat sich dein Umgang mit diesen Kritiken im Laufe der Jahre entwickelt?

Uwe Boll: Man lernt definitiv aus Kritiken. Sofern diese vernünftig begründet sind nimmt man sich Ihnen auch an. Vor 6-7 Jahren musste ich mich von dem „bashen“ emotional trennen. Viele Leute bilden sich Ihre Meinung ohne einen Film jemals gesehen zu haben. Ich habe mir vorgenommen diese Kritiken außen vor zu lassen und mich wirklich nur mit ernsten Kritiken zu beschäftigen.
Die Schwierigkeit damit ist wenn man von dritten Konfrontiert wird. Personen, die diese Kritiken annehmen ohne den Film gesehen zu haben. Käufer und Distributoren von Filmen in Ländern haben sich durchaus dadurch beeinflussen lassen. Das ist eine schwierige Situation. Beispielsweise Toure ich mit "Assault on Wall Street" momentan durch die Überraschungspremieren, wieso zeigt man den Film nicht im normalen Kinoprogramm? Das finde ich sehr schade.

4Y2C: Du hast auch eine wachsende Fanbase, wie siehst du diese Entwicklung?

Uwe Boll: Das nehme ich schon wahr, vor allem im Ausland auf vielen Festivals sehe ich es häufig. Ich bin auch froh, dass ich endlich mal eine vernünftige Wertung bei z.B. IMdB habe. Dieses Mal haben die „Basher“ wohl nicht die Oberhand behalten.
Man guckt bei anderen Filmen auf die Wertung und sieht dort 6 oder mehr Punkte, das ist mir manchmal unbegreiflich. Wer bewertet "Elektra" mit 8 Punkten? Da muss man ja einen kompletten Dachschaden haben.

4Y2C: Was war für dich der beste Film im letzten Jahr?

Uwe Boll: "Django Unchained", definitiv. Er war einfach anders, typisch Tarantino. In der Seele hat er mir gut getan. Dazu muss ich sagen, dass ich Tarantino zuvor abgeschrieben hatte, aber mit "Django Unchained" hat er wieder Boden gut gemacht. Es war ein geiler Film. Ich meine "Argo" ist kein schlechter Film, das ist nur ein Fernsehfilm wie der Tatort. So einen Film kann man sich doch gar nicht im Kino angucken. Warum er den Oscar bekommen hat weiß ich bis heute nicht. Das zeigt einfach das nichts da ist, es läuft nur Scheiße. "Lincoln" ist ebenfalls so ein Film. Es ist egal wie gut der Film ist, aber das Thema interessiert doch keinen.
Ich finde es unbegreiflich das „Assault on Wall Street“ nicht ins Kino kommt, es gibt kein präsenteres Thema als die Finanzkrise. In den USA lief er ja auch nur in jeweils einem Kino in LA und NY, parallel war er aber bei den Video-on-Demand Services erfolgreich. Am Startwochenende waren wir auf Platz 4 bei iTunes. Dort sind nur 100 Millionen Filme gelistet und wir waren plötzlich auf Platz 4 ohne jegliche Werbung. Das Thema an sich interessiert massig Leute.
Die Werbung läuft aber nur für "Pacific Rim" und "Kindsköpfe 2". "Kindsköpfe" war doch schon ein schwacher Film, aber der kriegt eine Fortsetzung.

4Y2C: Wie nutzt du soziale Netzwerke, verbreitest du dort oft Infos oder wirst du von Leute persönlich kontaktiert?

Uwe Boll: Ich nutze Facebook für Informationen, nicht für private Angelegenheiten. Wobei ich überlege, ob ich mich dort lösche. Die ganze Sache rund um die NSA und die Kooperation von Facebook sind Grund genug dafür. So etwas sollte man abstrafen, sie waren ein Teil der Volksverarschung die uns alle betrifft. Dort hat die USA den Bogen überspannt. Wie bei der Finanzkrise wird es aber in einer Woche niemanden mehr interessieren, da die Themen unter den Teppich gekehrt werden.

4Y2C: Was sagst du zu der Ankündigung von Ubisoft eine neue FarCry Verfilmung zu drehen?

Uwe Boll: Ubisoft hat sich uns gegenüber immer wie Arschlöcher verhalten. Die Lizenzrechte habe ich damals mit den CryTek Brüdern (Anm. d. Red.: CryTek ist das Entwicklerstudio von FarCry) gemacht, bevor diese Ubisoft als Vertrieb hatten. Ubisoft lehnte es damals ab die Visual Effects in ihrem neuen Studio in Montreal zu machen. Mit dem Film wollten die nichts zu tun haben. Es ist typisch das die nun selber einen Film drehen wollen. Ändern kann ich daran nichts, da die Rechte nicht mehr bei mir liegen.

4Y2C: Machst du eigentlich auch mal Ferien oder arbeitest du nur?

Uwe Boll: Im Prinzip kann ich gar nicht mehr anders, dieses Jahr mache ich jedoch eine Drehpause. Ich fokussiere mich auf die Distribution und Planung der Filme. Durch den Dreh hat man für vieles einfach keine Zeit. Ich habe gemerkt, dass ich vieles optimieren kann und möchte dieses auch selber ausführen. Viele Kontakte werden gepflegt.

4Y2C: Vielen Dank für dieses Interview, Herr Boll. Wir wünschen viel Erfolg mit "Assault on Wall Street".

Selbstverständlich haben wir uns "Assault on Wall Street" für euch angeguckt und werden euch in den nächsten Tagen ausführlich dazu informieren.

 


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Dieser Artikel ist Teil unseres Oscars Specials

Die Oscars sind der begehrteste internationale Filmpreis für Schauspieler und Filmemacher. Der Goldjunge wird jedes Jahr im Februar im Dolby Theatre verliehen.

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Chris Zerner